Voll. Also fast.

Vollbesetzte Kirchen am Heiligabend, titelt die EKD in einer Pressemitteilung. Und es stellt sich die Frage, ob mit vollbesetzt auch wirklich voll gemeint ist – oder doch eine eher dehnbare Variante von voll.

Mehr als fünf Millionen Menschen sollen laut EKD zum Jahresende 2025 an über 33.000 evangelischen Weihnachtsgottesdiensten teilgenommen haben. Dazu der Hinweis, dass in einigen Regionen sogar ein leichter Anstieg der Besucherzahlen zu verzeichnen gewesen sei. Was nach Trendwende klingt, ist aber weiterhin vor allen eins: eine knappe Hochrechnungen. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor, ebenso wenig belastbare Vergleichswerte. Die jüngste verlässliche Statistik stammt aus 2023: Damals besuchten 5,3 Millionen Menschen am Heiligen Abend einen evangelischen Gottesdienst.

Diese statistische Unschärfe ließ der EKD-Ratsvorsitzenden Kirsten Fehrs Raum, von einer „starken Teilnahme“ zu sprechen. Die Pressestelle der EKD lieferte die passende Kulisse gleich mit und betonte, dass „in den allermeisten Kirchen“ Seitenschiffe und Emporen geöffnet oder zusätzlichen Stuhlreichen aufgestellt worden seien.

Nur: Wann ist voll wirklich voll?

2019, dem letzten Weihnachtsfest vor der Corona-Pandemie, besuchten noch 7,8 Millionen Menschen rund 37.000 evangelischen Weihnachtsgottesdiensten. Fast drei Millionen Menschen mehr. Das entspricht im Durchschnitt etwa 210 Personen pro Feier. Selbst unter der wahrscheinlich optimistischen Annahme, dass sich die Zahlen für den vergangenen Heiligabend auf einem ähnlichen Niveau wie 2023 bewegen, käme man bei rund 33.000 Gottesdiensten auf etwa 160 Besucher pro Veranstaltung. Ein Rückgang um gut ein Viertel im Vergleich zu 2019.

Vollbesetzten Emporen bei gleichzeitig deutlich weniger Besuchern? Eine mögliche Erklärung: Auch 2025 wurden in Deutschland weitere evangelische Gotteshäuser geschlossen und entwidmet. Vorstellbar, wenn auch wenig wahrscheinlich, ist, dass sich die evangelische Kirche eher von größeren getrennt hat. Übrig bleiben kleinere Räume, die naturgemäß schneller an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Eine andere, vermutlich näherliegende Erklärung findet sich im Ablauf des Abends. Besonders gefragt sind die Familiengottesdienste am frühen Abend, wie auch die EKD in ihrer Mitteilung betont. Dann drängen sich die Menschen und die Bankreihen füllen sich. Später am Heiligabend wird es ruhiger in den Kirchen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Doch vieles spricht dafür, dass sich nach den Familiengottesdiensten vor allem eines ausbreitet: die dehnbare Variante von voll.

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